Nach NDR-Bericht über evangelikale Erziehungsratgeber erstattet Grüne Anzeige
Die eigenen Kinder mit der Rute züchtigen, weil das so in der Bibel steht – christliche Prediger, die dazu aufrufen oder Buchverlage, die solche Thesen verbreiten, rufen nach Ansicht der Grünenpolitikerin Miriam Staudte zu Straftaten auf. Das berichtet NDR.de Ende Dezember 2011. Deshalb hat die stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Niedersächsischen Landtag laut NDR Strafanzeige gestellt: gegen die Herausgeber von derartigen evangelikalen Erziehungsratgebern sowie gegen den Prediger Wilfried Plock.
Auch das evangelikale Magazin Idea berichtet Ende Dezember 2011 über die Debatte. In dem Artikel bezeichnet ein christlich-fundamentalistischer Verlag den NDR-Bericht als “Kampagne gegen die Bibel selbst” und ein weiterer die Politik der Grünen als “gesellschaftszerstörerisch”. Hier noch einmal der NDR-Artikel über evangelikale Erziehungsratgeber, in denen geraten wird, Kinder zu schlagen.
Der NDR berichtet über christlich-fundamentalistische Erziehungsratgeber
Ein Autor empfiehlt, das Kind in einen privaten Raum zu führen, ihm zu sagen, wie viele Schläge es bekomme und dann die Hose auszuziehen. “Der Grund ist offensichtlich: Ich will nicht, dass die Wirkung der Züchtigung durch die Hose verloren geht.” So zitiert NDR.de im Dezember 2011 aus dem Vortrag eines christlich-fundamentalistischen Predigers.
Auch in Erziehungsratgebern, die in einigen evangelikalen Freikirchen verbreitet werden, rufen die Herausgeber zu Gewalt in der Erziehung auf, obwohl Kinder in Deutschland laut Gesetz ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Die evangelische Landeskirche Hannover zeigt sich entsetzt. “Wir werden jetzt genauer hinschauen müssen”, sagte Oberlandeskirchenrätin Gäfgen-Track. Der Artikel ist auf den Internetseiten von NDR.de nachzulesen.
Die Süddeutsche Zeitung berichtet über evangelikale Schulen
Zehntausende Schüler lernen in Deutschland an freikirchlichen Bekenntnisschulen. Das berichtet sueddeutsche.de im Dezember 2011. Die Grundlage für den Unterricht dieser staatlich anerkannten Schulen sei die Bibel – und zwar nicht nur für den Religionsunterricht, sondern für alle Fächer.
Glauben und Wissenschaft würden deshalb auch in den Naturwissenschaften vermischt. So würden evangelikale Lehrer zwar die Evolutionstheorie lehren, gleichzeitig aber ihre Ablehnung deutlich zeigen. Denn Lehrer an christlich-fundamentalistischen Schulen glauben in der Regel, dass die Erde von Gott erschaffen wurde, so wie es in der Bibel steht. Und diesen Glauben vermitteln sie auch im Biologie-Unterricht.
Wissenschaftler warnen deshalb laut Süddeutsche Zeitung vor “kreationistischem Hokuspokus” und einem “unakzeptablen Gemisch aus Fakten und Fiktionen”. Der Beitrag “Wenn die Bibel zum Gesetz wird” ist auf den Seiten von sueddeutsche.de nachzulesen.
Nach grausamer Tat in Norwegen bleiben Motive, Ideologie und Glauben unklar
Am 22. Juli 2011 hat der mutmaßliche Attentäter Anders Behring Breivik mehr als siebzig Menschen in Norwegen ermordet. Erst zündete er einen Sprengsatz im Regierungsviertel von Oslo. Anschließend schoss er während eines Ferien-Camps auf der Insel Utöya in eine Menge von mehreren hundert Jugendlichen. Die Polizei nahm den 32-Jährigen kurz darauf fest.
Offen bleiben die Fragen nach seinen Motiven, nach seiner Ideologie und nach seinem Glauben. Er hat offenbar eine Menge Text im Internet hinterlassen. Die Medien verorten ihn vor allem im rechtspopulistischen Spektrum. Immer wieder fällt auch das Stichwort: “Christlicher Fundamentalist“.
Und tatsächlich findet man in seinem mehr als 1000-seitigen Manifest (wenn das denn echt ist und tatsächlich von Breivik stammt) zahlreiche christliche Bezüge, doch auf den zweiten Blick scheinen die recht krude. Angeblich ist Breivik Protestant und war als Jugendlicher getauft und konfirmiert worden. In dem Text dagegen bezieht er sich häufig auf den Papst, das Oberhaupt der katholischen Kirche. Immer wieder spielt er auf die Geschichte des Christentums an, scheint sich als eine Art Kreuzritter zu fühlen.
Doch ein christlicher Fundamentalist? Er schreibt, dass eine persönliche Beziehung zu Jesus nicht so wichtig sei. Das spricht dagegen. Denn für christliche Fundamentalisten ist neben einem engen Bibelverständnis genau diese Beziehung der Kern ihres Glaubens. Außerdem zeigt er bereits in seinen Texten eine große Gewaltbereitschaft, christliche Fundamentalisten lehnen Gewalt dagegen eher ab.
Andererseits vertritt Breivik offenbar Positionen, die auch in christlich-fundamentalistischen Kreisen zu hören sind. Den Islam verurteilt er pauschal und aggressiv, sieht ihn offenbar als Bedrohung. Eine multikulturelle Gesellschaft lehnt er ab. Er scheint das Christentum als eine Art Gegenmodell zum Islam zu begreifen. Und er sieht sich offenbar in einem Kampf gegen das Böse und damit auch gegen den Islam. Alle Menschen in Europa sollen aus seiner Sicht getauft werden.
Eine ähnliche Rhetorik wird auch in vielen pfingstlich-charismatischen Gruppen verwendet. Hier wird oft von einem “geistlichen Kampf” und von einem “Krieg gegen die Mächte der Finsternis” gesprochen. Andere Religionen wie zum Beispiel der Islam werden abgelehnt, abwertend dargestellt und verurteilt. Es gilt der “Missionsbefehl”, und es ist immer wieder von “Märtyrern” die Rede. Das Ziel: Alle Menschen sollen zum christlichen Glauben bekehrt werden. Bei der Islamfeindlichkeit, der Intoleranz, der militaristischen Sprache finden sich also Parallelen. Und genau wie viele christliche Fundamentalisten hält er die Kirchen anscheinend für viel zu liberal, die Bibel wird aus seiner Sicht nicht mehr als Autorität angesehen.
Es gibt also offenbar ideologische Überschneidungen mit christlich-fundamentalistischen Kreisen. Er vertritt kompromisslos bestimmte konservative Werte, die auch viele fundamentalistische Christen aus ihrem Bibelverständnis heraus teilen. Doch ein frommer Christ scheint Breivik nicht zu sein. (Stand 25. Juli 2011)
ZEIT ONLINE berichtet über die Jugendmissionsveranstaltung von ProChrist
“Ich bin ein Freund von Gott”, singen die Jugendlichen in dem ostfriesischen Dorf Warsingfehn. Sie sind Teilnehmer der Missionsveranstaltung JesusHouse. Über das Treffen berichtet ZEIT ONLINE Anfang April 2011. Die bibeltreue Party ist Teil einer bundesweiten Aktion der Missionsbewegung ProChrist. Dahinter stehe eine “evangelikale Gruppe mit reaktionären Überzeugungen”, heißt es in dem Artikel. Autor Dennis Sand schreibt, mit der Regionalisierung von JesusHouse habe die Missionsarbeit nun eine neue Dimension erreicht. Man hole die Jugendlichen da ab, wo sie sind und wo sie wenig andere Angebote finden.
Der Artikel ist bei ZEIT ONLINE nachzulesen. Weitere Artikel zu der Missionsbewegung ProChrist: “Von Gott ‘zurüsten’ lassen” und “Schwulenfeindliche Tendenzen“.
Die BR-Hörfunksendung “Theo.Logik” stellt kritische Fragen
“Gewaltbereitschaft, Fundamentalismus, Missachtung von Menschenrechten” – in den Medien wird der Islam oft auf wenige Schlagworte reduziert. Die Radiosendung “Theo.Logik” auf Bayern2 hat das Christentum einmal so behandelt, wie es ihrer Meinung nach manche Medien mit dem Islam tun: “verkürzt und polemisch”. Und die Autoren fanden auch im Christentum Ansichten, die viele weder für demokratisch noch für tolerant halten. Auch Gewaltbereitschaft innerhalb christlich-fundamentalistischer Familien – begründet mit Bibeltexten - war ein Thema. Die Sendung vom November 2010 ist auf den BR-Internetseiten nachzuhören.
Beschluss des evangelisch-theologischen Fakultätentags zu Studienleistungen
Leistungen von Studierenden an Ausbildungsstätten von Freikirchen werden an staatlichen Universitäten und kirchlichen Hochschulen in der Regel nicht anerkannt. Das hat der evangelisch-theologische Fakultätentag 2010 beschlossen. Ausnahmen seien nur in Einzelfällen möglich.
Der Fakultätentag begründet seine Entscheidung damit, dass die freikirchlichen Ausbildungsstätten einige zentrale Bedingungen nicht erfüllen würden. Laut dem Bericht entsprechen sie zum Beispiel in Forschung und Lehre nicht den wissenschaftlichen Maßstäben der Unis.
Der Fakultätentag ist die Vereinigung der evangelisch-theologischen Fakultäten an staatlichen Universitäten und der Kirchlichen Hochschulen in Deutschland. Sein Beschluss betrifft die Theologische Hochschule Reutlingen, das Theologische Seminar Elstal, die Freie Theologische Hochschule Gießen und die Theologische Hochschule Tabor.
Medien berichten, dass Eltern aus Freikirchen ihre Kinder häufiger schlagen
Eltern, die evangelischen Freikirchen angehören, schlagen ihre Kinder laut Spiegel auffällig oft. Das Nachrichtenmagazin bezieht sich auf eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Die Wissenschaftler hatten 45.000 Neuntklässler im Alter zwischen 14 bis 16 Jahren aus 61 deutschen Städten und Landkreisen befragt.
Die Befragung ergab, dass Kinder von Mitgliedern in Freikirchen häufiger geschlagen werden als andere. In der Spiegel-Meldung “Massive Schläge” heißt es Mitte Oktober 2010: “Mädchen und Jungen, die ihre evangelikalen Eltern in der Umfrage als ’sehr religiös’ bezeichneten, wurden nur zu 27 Prozent gewaltfrei erzogen; 21,3 Prozent gaben sogar an, dass sie massiven Schlägen ausgesetzt seien.”
Auch sueddeutsche.de berichtet über das Studienergebnis. In dem Artikel heißt es, nach Angaben von Studienleiter Christian Pfeiffer zeigten die Daten, dass sich mit zunehmender Religiosität offenbar stärker gewaltorientierte Erziehungsmethoden der Eltern ergeben würden. Das gelte vor allem für jene, die evangelikal-freikirchlich seien. Und das, obwohl Kinder in Deutschland ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Im Bürgerlichen Gesetzbuch steht: “Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.”
Bereits Ende September 2010 hatte die Süddeutsche Zeitung über christlich-fundamentalistische Eltern berichtet, die ihre Kinder schlagen. In dem Artikel “Liebe deinen Nächsten – auch mit der Rute” sprechen die Autoren von einer “heimlichen Kultur des Prügelns”. Sie zitieren aus einem evangelikalen Erziehungsratgeber, der zum Beispiel empfiehlt, dass Schläge zur Erziehung Schmerzen verursachen müssten.
Diesem Artikel widmet sich übrigens das Editorial des evangelikalen Magazins ideaSpektrum Mitte Oktober 2010. Der evangelikale Theologe Hans-Georg Wünch bezeichnet den oben genannten Erziehungsratgeber dort zwar als “einseitiges und gefährliches Werk”, bezieht aber ansonsten keine klare Stellung zur Gewalt in der Erziehung. In seinem Gastkommentar bestreitet er weder, dass viele Eltern aus Freikirchen ihre Kinder schlagen, noch ruft er an dieser Stelle zu gewaltfreier Erziehung auf.
Christlicher Fundamentalist aus Florida droht mit Koran-Verbrennung
Er leitet eine kleine christliche Gemeinde in Florida, bislang war er der Öffentlichkeit nicht bekannt: der fundamentalistische US-Prediger Terry Jones. Doch mit seinem Plan, am 11. September 2010 mehrere Buchausgaben des Koran zu verbrennen, macht der radikale Christ weltweit Schlagzeilen.
Tausende Muslime in mehreren Ländern demonstrieren. Politiker aus der ganzen Welt verurteilen den Plan: Bundeskanzlerin Merkel nennt das Vorhaben respektlos, US-Präsident Obama wirbt für Toleranz. Auch führende Persönlichkeiten der großen Religionen protestieren.
Der Prediger selbst genießt offenbar die Aufmerksamkeit und lässt die Welt im Unklaren, ob er seinen Plan in die Tat umsetzt. Erst sagt Jones die umstrittene Aktion vor Fernsehkameras ab, dann erklärt der Prediger, er wolle die Aktion lediglich aussetzen.
Terry Jones fühlt sich offenbar von Gott berufen, der Islam ist für ihn “des Teufels”. Seiner bibeltreuen Gemeinde “Dove World Outreach Center” in der Stadt Gainsville sollen etwa fünfzig Gläubige angehören. In den 80ern lebte er nach einem Bericht von Zeit Online in Deutschland und gründete die “Christliche Gemeinde Köln”. Doch 2008 soll er sich mit der pfingstlich-charismatischen Freikirche zerstritten haben.
Artikel zum Thema von Zeit Online: “Die einsame Mission des Pastors“, “Die unrühmliche Vergangenheit des evangelikalen Predigers in Florida“, “Geplante Koran-Verbrennung empört Muslime” und ein Tagesschau-Bericht vom 10. September 2010.
Evangelikaler Pastor berichtet nach dem Unglück von Bekehrungserfolgen
Rund fünfzig Teilnehmer der christlich-fundamentalistischen Missionsoffensive “Summer2Go” hatten an der Loveparade in Duisburg teilgenommen, um dort Menschen für ihren Glauben zu gewinnen. Auch der Leiter des pfingstlich-charismatischen Missionswerks “No Limit”, Werner Nachtigal, war dabei. Das berichtete das evangelikale Nachrichtenmagazin ideaSpektrum. Auf der Internetseite von “No Limit” hieß es Mitte August 2010: “Wir trainieren junge Menschen, das Evangelium zu verkünden”.
Nach der Massenpanik bei der Loveparade, bei der 21 Menschen ums Leben gekommen waren, berichtete Nachtigal dem bibeltreuen Magazin von seinen Missionserfolgen: Mehr als 30 Personen hätten sich entweder unmittelbar nach dem Unglück oder in den Tagen darauf für ein Leben als Christ entschieden. Außerdem soll ihm eine Frau davon erzählt haben, dass sie in ihrer Verzweiflung mitten im Gedränge zum ersten Mal in ihrem Leben zu Gott gebetet habe. Plötzlich sei ein “kräftiger Mann” gekommen und habe ihr rausgeholfen, sagte Nachtigal laut Bericht.
Werner Nachtigal ist Pastor im „Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden“. Zu den mehr als eine Million evangelikalen Christen in Deutschland gehören nach Schätzungen zwischen 150.000 und 300.000 Anhänger der pfingstlich-charismatischen Bewegung. Sie feiern sehr emotionale, ekstatische Gottesdienste, die meisten glauben an Wunder, wie sie in der Bibel beschrieben werden. Pfingstlich-charismatische Christen meinen, dass ihnen der Heilige Geist bestimmte Gaben verleiht, die sogenannten Charismen. Dazu gehören zum Beispiel das Heilen von Krankheiten oder die Prophetie, das Vorhersehen von Ereignissen. Auf einem Werbeflyer von „Summer2Go 2009“ stand: „Heilt die Kranken, weckt die Toten auf und verkündigt das Evangelium.“
Quelle: ideaSpektrum Nr. 30/31, 5. August 2010, S.44
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