Christliche Fundamentalisten halten ihren Glauben für den einzig wahren. Die Bibel ist Glaubensgrundlage und gleichzeitig strenges Regelwerk für den Alltag. Andere Religionen lehnen sie ab, alle Nichtchristen wollen sie bekehren. Homosexualität gilt als Sünde. Sex vor der Ehe ist verpönt. Die Evolutionstheorie stellen sie in Frage. Und bibeltreue Lobbyvereine bemühen sich um Einfluss auf Politik und Medien. Wir wollen kritisch über die Evangelikale Bewegung berichten.
Unser Buch "Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland" bietet einen Überblick. In dem Blog wollen wir weiter über Beiträge, Gemeinschaften und Veranstaltungen von Evangelikalen informieren sowie auf andere Berichte über Evangelikale hinweisen. Außerdem veröffentlichen wir hier Reaktionen auf das Buch.
Evangelikaler Verein wirbt für Sommer-Missionstour
„Menschen zu Jesus führen und die Kranken heilen! Sei dabei!“, so wirbt der evangelikale Verein „NoLimit“ im Mai 2009 für seine diesjährige Sommer-Missionstour „Summer2Go 2009“. Die Veranstalter rufen vor allem Jugendliche dazu auf, im Juli durch Deutschland zu reisen und möglichst viele Menschen zu bekehren. Wer als Sommermissionar arbeiten möchte, muss dafür allerdings Geld bezahlen – laut Internetseite von „NoLimit“ 165 Euro. Der Verein schreibt: „Es wird dich alles kosten! Du schläfst auf einer Luftmatratze, bist ständig umgeben von Menschen und erlebst viele Abenteuer mit Gott, die deine Grenzen sprengen.“ Die Veranstalter hoffen auf einen großen Missionserfolg: „Wo vorher harte Herzen und Unglauben waren, hat Gott viele Herzen vorbereitend aufgeweicht, um seine Herzensbotschaft anzunehmen. Ihr werdet Errettungen durch alle Gesellschaftsbereiche sehen.“
Verantwortlich für den Berliner Verein ist Werner Nachtigal, Pastor im „Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden“. Zu den mehr als eine Million evangelikalen Christen in Deutschland gehören nach Schätzungen zwischen 150.000 und 300.000 Anhänger der pfingstlich-charismatischen Bewegung. Sie feiern sehr emotionale, ekstatische Gottesdienste und glauben an Wunder, wie sie in der Bibel beschrieben werden. Pfingstlich-charismatische Christen meinen, dass ihnen der Heilige Geist bestimmte Gaben verleiht, die sogenannten Charismen. Dazu gehören zum Beispiel das Heilen von Krankheiten oder die Prophetie, das Vorhersehen von Ereignissen. Auf dem Werbeflyer von „Summer2Go 2009“ steht deshalb auch: „Heilt die Kranken, weckt die Toten auf und verkündigt das Evangelium.“
WDR-Fernsehbeitrag über christliche Privatschulen
„Einzige Autorität und Richtschnur für Leben und Lehre ist die Bibel, das zuverlässige und wahrhaftige Wort Gottes“, das ist nicht nur das Glaubensbekenntnis vieler bibeltreuer Gemeinden, sondern auch das Leitbild einer deutschen Schule – der Georg-Müller-Gesamtschule in Bielefeld. Über diese und andere christliche Privatschulen in Nordrhein-Westfalen berichten die Autoren Frank Papenbroock und Peters Moers in ihrem WDR-Fernsehfilm „Mit der Bibel zum Abitur“ Ende Mai 2009. Darin zeigen sie, dass in evangelikalen Schulen im Biologieunterricht neben der Evolutionstheorie oft auch die biblische Schöpfungsgeschichte gelehrt wird. Eine Schülerin erklärt, sie glaube, dass die Erde nur etwa 6000 Jahre alt sei. „Eine realistische Zahl“, so die 18-Jährige. Auch gesicherte Erkenntnisse über die Entstehung der Steinkohle stellt ein bibeltreuer Lehrer in dem Film in Frage, weil sie aus seiner Sicht Texten der Bibel widersprechen. Homosexualität lehnen evangelikale Christen ab, denn sie gilt als Sünde. Und diese Überzeugung wird offenbar auch an bibeltreuen Schulen vertreten. Ein Lehrer erklärt vor der Kamera: „Sexualität ist etwas, was mir Gott gegeben hat, nicht nur für mich, sondern für das andere Geschlecht.“
Die Zahl christlicher Privatschulen nimmt laut dem Beitrag zu. Denn in Deutschland könne praktisch jeder eine Privatschule eröffnen, erklären die Autoren, und zwar mit großzügiger staatlicher Unterstützung. Fast neunzig Prozent der Gesamtkosten kämen vom Steuerzahler, heißt es im Film. Doch Privatschulen werden offennbar kaum kontrolliert. Die nordrhein-westfälische Schulministerin Barbara Sommer von der CDU sieht hier offenbar kein Problem und sagt auf Nachfrage, dass Ersatzschulen die Schullandschaft bereicherten. Sie nehme die Eigenverantwortung der Schulen sehr ernst. Eine Lehrerin einer staatlichen Schule in Hennef in der Nähe von Bonn äußert sich dagegen besorgt. Sie befürchtet, dass sich „eine Art Parallelgesellschaft“ bilde. Auch die Grünen-Politikerin Sigrid Beer sagt, man müsse sich gegen Fundamentalismus wenden – egal ob gegen christlichen oder islamischen. Am Ende des Films kommen die Autoren Frank Papenbroock und Peter Moers zu dem Schluss: „Es kann zu Lasten der Kinder gehen und zu Lasten des Steuerzahlers, der auch für wissenschaftsfeindliche Parallelwelten tief in die Tasche greift.“
Evangelikale Mission im Superwahljahr
„Sie sollten also die richtige Entscheidung treffen, die Entscheidung fürs Leben. Dabei ist Jesus Christus erste Wahl“, so wirbt das evangelikale Missionswerk „Aktion: In Jedes Haus“ (AJH) auf einem Flugblatt im Mai 2009. Deutschlandflagge, Europasterne und Buntstiftkreuz – hier wird das Superwahljahr zur Werbeidee für bibeltreuen Glauben. „Gott hält Wahlversprechen“, so der Flyer-Text. Aus Sicht dieser christlichen Missionare ist die freie Wahl keine Erfindung einer demokratischen Gesellschaft. „Gott lässt allen Menschen die freie Entscheidung: für oder gegen ihn. Es gibt nur diese zwei Möglichkeiten. Entweder – oder.“ Frei und freundlich klingt dieses Wahlangebot allerdings nicht. In dem Werbeprospekt steht: „Übrigens: Es besteht Wahlpflicht.“ Und wenn sich dabei jemand nicht für Jesus entscheide, habe das „schlimme Folgen“. „Es geht für Sie um alles oder nichts!“
Das Missionswerk „Aktion: In Jedes Haus“ mit Sitz in Radevormwald im Süden Nordrhein-Westfalens beruft sich auf die Glaubensbasis des evangelikalen Dachverbandes „Deutsche Evangelische Allianz“. Die Missionare wollen – so steht es auf den Internetseiten des Vereins – „die gedruckte Botschaft von Gottes Liebe“ systematisch in jedes Haus bringen. Sie glauben: „Deutschland ist Missionsland!“
Britischer Dokumentarfilmer kritisiert Kreationisten
„Jede Gesellschaft, die wir bisher kennen, hielt es für notwendig, eine Erzählung zu haben, die erklärt, warum wir hier sind“, kommentiert der britische Dokumentarfilmer David Attenborough die biblische Schöpfungsgeschichte. „Und die Menschen im Mittleren Osten dachten eben, dass Gott den ersten Menschen aus Ton geformt und ihm Leben eingehaucht hat, um dann eine seiner Rippen zu verwenden, um die erste Frau zu schaffen“, sagt Attenborough Mitte Mai 2009 in einem Interview der Frankfurter Rundschau. Jede Gesellschaft habe solche Mythen, so der preisgekrönte Naturfilmer. Heute gebe es allerdings genügend Beweise und Belege zur Entstehung der natürlichen Welt. Deshalb ist für Attenborough auch völlig klar, dass Menschen mit Affen verwandt seien.
Der Kreationismus dagegen beruhe nicht auf faktenbasiertem Beweismaterial, so Attenborough. Christliche Kreationisten glauben, dass die Welt so erschaffen worden ist, wie es in der Bibel steht. Wissenschaftliche Erkenntnisse, die der Bibel widersprechen, lehnen sie ab. Sie zweifeln deshalb auch an der Evolutionstheorie. David Attenborough sagt in dem Zeitungsinterview, es sei ein „historisches Faktum“, das alles Leben durch Evolution entstanden sei. Dafür sei die Beweislage sehr viel besser als für viele historische Ereignisse, die wir in unserem Geschichtsunterricht lehren würden, so der Filmemacher. Viele Entdeckungen der letzten Jahrzehnte – von der Entschlüsselung der DNA bis zur Kontinentaldrift – hätten die Evolutionstheorie noch weiter bestätigt. Besonders scharf kritisiert der Brite, wenn die biblische Schöpfungsgeschichte auf Betreiben von Kreationisten parallel zur Evolutionstheorie in der Schule gelehrt wird. „Das ist ein intellektueller Skandal“, findet David Attenborough.
Das ganze Interview über „Darwin, Dinosaurier und blaugesichtige Affen“ ist auf den Internetseiten der Frankfurter Rundschau nachzulesen. In dem Artikel „Gestalten ohne Gestalter“ in der Süddeutschen Zeitung werden die Mechanismen der Evolution erklärt und auch Überzeugungen von Kreationisten, den Anhängern des sogenannten Intelligent Designs, widerlegt. Die Technische Universität Dortmund veranstaltet im Sommersemester 2009 die interdisziplinäre Vorlesungsreihe „Darwins (r)evolutionäre Gedanken“ – darunter auch Vorträge zum Kreationismus in Deutschland und den USA. Weitere Blogtexte zum Thema: „Evangelikaler hält Evolution für Ideologie“ und „Kreationismus im Hörsaal“.
Evangelikale warnen vor Menschen, die nicht an Gott glauben
„Konsequenter Atheismus führt zu Zuständen wie im Dritten Reich“, heißt es im April 2009 auf den Internetseiten des evangelikalen Dachverbandes „Deutsche Evangelische Allianz“. In dem Artikel wird der Pfarrer Herbert Großarth zitiert. Er glaubt danach, wenn man den Atheismus zu Ende denke, komme man zum “Sozialdarwinismus” und damit zur „Vernichtung unlebenswerten Lebens“. Ohne Gott gebe es keine Moral, so Großarth. Solche Behauptungen sind in evangelikalen Medien keine Seltenheit. Immer wieder ist zu lesen, dass es zu totalitären Regimen führe, wenn Menschen nicht an Gott glaubten.
Nachdem zum Beispiel die Berliner Bürger per Volksentscheid entschieden hatten, dass Religion an den Schulen ein freiwilliges Unterrichtsfach bleiben soll, griff der Pastor Ulrich Rüss den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit scharf an. In der Zeitschrift ideaSpektrum (29.4.2009, S. 3) schrieb er, dass Wowereit allen Schülern das Fach Ethik „zwangsweise“ verordnen würde. „Das erinnert an unselige Zeiten des atheistischen DDR-Unrechtsstaates“, so Rüss. Dabei scheint er zum einen den demokratischen Volksentscheid zu ignorieren, zum anderen, dass auch Wowereit von den Berlinern gewählt worden ist.
Auch andere Artikel belegen ein ähnliches Schwarz-Weiß-Denken: Danach sind Menschen, die an Gott glauben, gut, alle anderen böse. So meint Matthias Dreßler vom evangelikalen „Landesverband Landeskirchlicher Gemeinschaften Sachsen“ laut idea, “je atheistischer ein Landesteil ist, desto eher kann sich dort Furcht und Zukunftsangst ausbreiten.” Furcht sei nichts anderes als gelebter Atheismus. Dreßler soll weiter gesagt haben, wer auf Gott verzichte, bei dem könne sich der „Dämon der Habgier“ entfalten.
Buchkritik von Thomas Schirrmacher
Unter dem Titel „Die Kriminalisierung der Evangelikalen“ schreibt der evangelikale Theologe Thomas Schirrmacher über „Mission Gottesreich“ im April 2009. Das Buch setzt sich kritisch mit der evangelikalen Bewegung auseinander. Schirrmacher behauptet, wir würden darin „unverblümt“ die Diskriminierung von Evangelikalen „im großen Stil“ fordern. Weiter würden wir angeblich verlangen, dass Evangelikale keine Medien, keine Politikerkontakte und keine Veröffentlichungsmöglichkeiten haben sollten. Das alles haben wir in unserem Buch nicht gefordert und widerspricht unseren Überzeugungen. Stattdessen erklären wir ausführlich, warum wir viele Überzeugungen von evangelikalen Christen für problematisch halten.
In „Mission Gottesreich“ kritisieren wir unter anderem, dass viele Evangelikale Homosexualität als Sünde oder sogar als Krankheit bezeichnen. Schirrmacher bekräftigt in seinem Text, dass Evangelikale „Homosexualität wie viele andere Dinge für moralisch falsch“ halten. Doch zu unserer Kritik schreibt er: „Das Ganze stellt die Tatsachen auf den Kopf.“ Schirrmacher glaubt offenbar, dass die Evangelikalen von Homosexuellen diskriminiert würden. Er scheint die Homosexuellen in Deutschland nicht für eine Minderheit zu halten. „Denn eine Minderheit definiert sich nicht einfach zahlenmäßig, sondern ob sie Macht hat“, so Schirrmacher. Er schreibt weiter: „Die homosexuelle ‚Minderheit’ ist dagegen längst an den Schalthebeln der Macht angekommen.“ Deshalb seien die Evangelikalen darauf angewiesen, dass auch „die Homosexuellen und ihre öffentlichen Verteter“ ihre Rechte als religiöse Minderheit schützten und auf „Diskriminierung“ verzichteten.
Am Ende behauptet Thomas Schirrmacher noch fälschlicherweise: „Die Autoren treten ganz eindeutig für eine Kriminalisierung des Evangelikalseins ein.“ Der 29-seitige Beitrag von Thomas Schirrmacher ist auf den Internetseiten des evangelikalen Lobbyvereins „Christlicher Medienverbund KEP“ nachzulesen.