Christliche Fundamentalisten halten ihren Glauben für den einzig wahren. Die Bibel ist Glaubensgrundlage und gleichzeitig strenges Regelwerk für den Alltag. Andere Religionen lehnen sie ab, alle Nichtchristen wollen sie bekehren. Homosexualität gilt als Sünde. Sex vor der Ehe ist verpönt. Die Evolutionstheorie stellen sie in Frage. Und bibeltreue Lobbyvereine bemühen sich um Einfluss auf Politik und Medien. Wir wollen kritisch über die Evangelikale Bewegung berichten.
Unser Buch "Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland" bietet einen Überblick. In dem Blog wollen wir weiter über Beiträge, Gemeinschaften und Veranstaltungen von Evangelikalen informieren sowie auf andere Berichte über Evangelikale hinweisen. Außerdem veröffentlichen wir hier Reaktionen auf das Buch.
Buchvorstellung bei SWR2
In der Sendung „SWR2 Forum Buch“ hat der Autor Reiner Scholz am 2.8.2009 unser Buch vorgestellt. „Mission Gottesreich” setzt sich kritisch mit der evangelikalen Bewegung in Deutschland auseinander. Scholz berichtet: „Die Journalisten sind, wie Ethnologen, hineingestiegen in eine Welt, die sie zuvor nicht kannten, in Räume von Dämonenglauben, Heilungsphantasien und Exorzismus. Sie haben Prediger interviewt, Funktionäre und Mitläufer, haben Veranstaltungen von Pfingstlern und anderen besucht und zumeist ein einfaches, in sich geschlossenes, dichotomisches Weltbild gefunden. Da gibt es fast nur: Gut oder Böse, Gesund oder Krank, Himmel oder Hölle, Christ oder Antichrist.“
Und weiter sagt der Journalist: „Es überrascht, dass es in Deutschland viele Bücher über die Rolle christlich-konservativer Prediger in den USA gibt, aber keine politisch-kritischen über die Evangelikalen im eigenen Land. Als seien diese unbedeutend. Dabei ist das Gegenteil der Fall.“ Sie seien modern und gut vernetzt, hätten mit der „Evangelischen Allianz“ einen Dachverband mit einem offiziellen Lobbyvertreter in Berlin.
Am Ende der SWR2-Buchkritik heißt es: „Das vorliegende Buch ist gut lesbar geschrieben, ausgesprochen informativ und mit vielen Zitathinweisen versehen. Es breitet auf knapp 250 Seiten aus, was man heute bei intensiver Recherche über die Evangelikalen in Deutschland in Erfahrung bringen kann.“ Der Radiobeitrag ist auf den Internetseiten des Südwestrundfunks nachzuhören und nachzulesen.
Die Welt berichtet über bibeltreue Volksvertreter
Strenggläubige evangelische Christen, denen die Bibel als getreues Wort Gottes gelte, lebten nicht nur in den USA, so Die Welt im August 2009. Auch in Deutschland gebe es sie. Mehrere Unionspolitiker, darunter CDU-Fraktionschef Voker Kauder, gehörten dazu, schreibt die Autorin Mariam Lau. Das Wort Evangelikale höre Kauder zwar nicht so gern, bei dem evangelikalen Dachverband „Deutsche Evangelische Allianz“ fühle er sich aber wohl. Nach Schätzungen des Verbandes leben in Deutschland etwa 1,3 Millionen evangelikale Christen. Die Bibel als Gottes unmittelbares Wort, der Auftrag zur Mission, die große Bedeutung des Lebens Jesu für den eigenen Alltag, die Sündhaftigkeit des Menschen – all das lasse Kauder für sich gelten, heißt es in dem Artikel.
Die Journalistin schreibt auch, dass Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff und der Vorsitzende der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag, Steffen Flath, zum Kuratorium des Evangelisten-Netzwerks „ProChrist“ gehörten. Die Vorsitzende der Frauen-Union, Maria Böhmer, und der Vorsitzende der Senioren-Union, Otto Wulff, schickten laut Welt Grußworte, als christliche „Lebensschützer“ mit tausend weißen Holzkreuzen in der Berliner Innenstadt gegen Abtreibungen protestierten.
Und der CDU-Politiker Hermann Gröhe, Staatsminister im Bundeskanzleramt, findet offenbar, dass man es sich in Deutschland mit den Evangelikalen zu leicht mache. „Zuerst wurden sie ignoriert, nun werden sie dämonisiert“, zitiert ihn Die Welt. Zu lange habe man bei uns „Gottvergessenheit für Aufgeklärtheit“ gehalten, so Gröhe. Der vollständige Artikel ist auf den Internetseiten der Welt nachzulesen.
Religionswissenschaftler über die evangelikale Jugendgemeinschaft „Jesusfreaks“
„Die Jesusfreaks sehen den Teufel als genauso wirklich an wie die Wiederkehr Jesu und das baldige Ende der Welt“, schreibt der Religionswissenschaftler Sebastian Schüler Ende Juli 2009. Die evangelikale Jugendgemeinschaft vertritt seiner Einschätzung nach „konservative bis anti-moderne“ Ansichten. Die Anhänger kämpften für die „Erlösung aller Seeelen durch Jesus Christus“ und sähen sich selbst als „Jesuskrieger im Kampf gegen das Böse“, erklärt Schüler. Übermäßiger Alkoholkonsum oder Sex vor der Ehe seien für sie tabu. Der Wissenschaftler kritisiert: „Auch andere Religionen oder Homosexualität sind nach ihrer Überzeugung Werke des Satans.“
Die „Jesusfreaks“ schreiben über sich selbst, dass sie so leben wollten, wie Jesus es vorgelebt habe. Und weiter steht auf ihren Internetseiten: „Wir erleben, dass die Bibel Worte mit Explosionskraft hat und in ihren Aussagen über das Leben und Gott absolut wahr ist.“
Sebastian Schüler arbeitet am Bereich „Religion und Politik“ der Universität Münster und untersucht pfingstlich-charismatische Gemeinschaften. Anlass seiner Kritik war das Sommer-Festival 2009 der „Jesusfreaks“ im nordrhein-westfälischen Höxter – das sogenannte „Freakstock“. Schülers Kommentar ist auf den Internetseiten der Uni Münster nachzulesen. Über das evangelikale Festival hat unter anderem Welt Online berichtet.
Bundesverfassungsgericht weist Klage baptistischer Eltern zurück
Eltern dürfen ihre schulpflichtigen Kinder in Deutschland nicht aus religiösen Gründen vom Sexualkunde-Unterricht fernhalten. Das hat Anfang August 2009 das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe entschieden.
Eine Grundschule in Ostwestfalen hatte ein Theaterprojekt zum Thema „Sexueller Missbrauch“ angeboten. Die Präventionsveranstaltung „Mein Körper gehört mir“ sollte die Schüler sensibilisieren und stärken. Eltern, die einer baptistischen Gemeinde angehören, hatten ihre Kinder am Projekttag zu Hause behalten. Damit hatten sie gegen die Schulpflicht ihrer Kinder verstoßen und wurden zu einem Bußgeld in Höhe von 80 Euro verurteilt. Dagegen legten sie Beschwerde ein, weil sie sich in ihrer Religionsfreiheit verletzt fühlten. Die gläubigen Eltern warfen der Schule vor, das Theaterprojekt erziehe zu „freier Sexualität“ und – wie sueddeutsche.de berichtete – zu „Pädophilie“.
Karlsruhe wies die Verfassungsbeschwerde zurück. Die Schule habe in diesem Fall die gebotene Neutralität und Toleranz gegenüber erzieherischen Vorstellungen der Eltern gewahrt, so das Bundesverfassungsgericht. Die Lehrer müssten dafür sorgen, dass eine „Indoktrination der Schüler etwa auf dem Gebiet der Sexualerziehung“ unterbleibe.
Auf den Internetseiten des Bundesverfassungsgerichts ist die entsprechende Pressemitteilung nachzulesen. Über die Entscheidung berichteten unter anderem sueddeutsche.de und Zeit Online.
ZDF-Magazin berichtet über evangelikale Missionare
Junge bibeltreue Frauen haben ZDF-Journalisten erklärt, dass sie bereit seien, ihr Leben zu geben, um andere von ihrem Glauben zu überzeugen. „Sterben für Jesus“ – ein Beitrag von „Frontal21“ über evangelikale Missionswerke vom 4.8.2009. Bibeltreue Missionare riskieren danach in einigen islamischen Ländern ihr Leben. Und wenn sie gleichzeitig für internationale Hilfsorganisationen arbeiten, gefährden sie mit ihren Bekehrungsversuchen laut ZDF unter Umständen auch andere Mitarbeiter. Denn Mission ist in einigen Ländern verboten. Hilfswerke dürfen nach internationalen Grundsätzen des „Roten Kreuzes“ nicht zugleich helfen und missionieren, berichtet das ZDF. Anlass für den Beitrag war der Mord an zwei jungen deutschen Bibelschülerinnen im Juni 2009 im Jemen – Berichte unter anderem von Spiegel und tagesschau.de.
Evangelikale Christen lesen die Bibel als strenges Regelwerk, eine historisch-kritische Auslegung lehnen sie ab. Andere von ihrem bibeltreuen Glauben zu überzeugen, sehen sie deshalb als eine ihrer Hauptaufgaben an. Sie richten sich dabei nach dem sogenannten „Missionsbefehl“ der Bibel. Der ZDF-Fernsehbeitrag ist auf den Internetseiten von „Frontal21“ nachzuschauen.
Evangelikale Vereine haben sich inzwischen über den Beitrag beschwert. Sie kritisieren unter anderem Aufnahmen mit einer versteckten Kamera, außerdem den Vergleich von christlichen mit islamischen Fundamentalisten. Die ZDF-Modaratorin hatte gesagt: „Bereit sein, für Gott zu sterben: Das klingt vertraut – bei islamischen Fundamentalisten. Doch auch für radikale Christen scheint das zu gelten.“ Das evangelikale Medienmagazin Pro berichtet über die Kritik.