Evangelikal?

Die „bibeltreuen“ evangelischen Christen in Deutschland werden heute meistens als Evangelikale bezeichnet. Zu der evangelikalen Bewegung zählen sich sehr unterschiedliche Gruppen. In ihr sind Gemeinden aus den evangelischen Landeskirchen genauso wie Freikirchen vertreten, Gemeinden mit ganz unterschiedlichen Traditionen und unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen, von der kleinen Hauskirche bis hin zur sogenannten „Megachurch“. Einige werden zwar von vielen Medien zu den Evangelikalen gerechnet, wollen aber selbst nicht so genannt werden. Und wieder andere Gruppen fühlen sich durchaus zugehörig, werden aber von Teilen der Bewegung eher abgelehnt. Eine von allen anerkannte Definition von „evangelikal“ gibt es also nicht, eine trennscharfe Abgrenzung ist dadurch schwierig.

Grundsätzlich ist die „evangelikale Bewegung“ eine Sammelbezeichnung für Organisationen, deren Mitglieder sich als „bibelorientierte entschiedene Christen“ verstehen und sich in diesem Selbstverständnis in besonderer Weise in einen „Kampf gegen die Gefährdung christlicher Maßstäbe in der Gesellschaft“ eingebunden sehen. Evangelikale nennen sich auch „entschiedene“ oder „bekennende“ Christen, weil sie sich als Jugendliche oder Erwachsene ganz bewusst für diesen Glauben entschieden haben. Einige lehnen deshalb die Taufe im Kindesalter ab. Der Moment der Entscheidung markiert für evangelikale Christen eine bedeutende Wende. Sie nennen sie „Bekehrung“ oder „Wiedergeburt“. Im Mittelpunkt ihres Glaubens steht eine intensive persönliche Beziehung zu Gott. Die Bibel ist dabei die Grundlage für alle Lebens- und Glaubensfragen. Die meisten Evangelikalen lehnen eine historisch-kritische Auslegung ab. Ihr zentrales Anliegen ist die Mission. Evangelikale wollen anderen Menschen vom Evangelium berichten und möglichst viele Nicht- und Andersgläubige von ihrem Glauben überzeugen. Der evangelikale Dachverband Deutsche Evangelische Allianz geht von etwa 1,3 Millionen „bekennenden Christen“ in Deutschland aus. Nach groben Schätzungen gehört etwa die Hälfte von ihnen zu Freikirchen, unabhängigen Gemeinden und Hauskirchen, die andere Hälfte fühlt sich Gemeinden der evangelischen Landeskirchen zugehörig.

Die meisten Evangelikalen halten ihren Glauben für den einzig richtigen, ihr Fundament für das einzig wahre. Andere Religionen lehnen sie deshalb ab. Mit ihrem Bibelverständnis, ihrer Form des Glaubens und mit dem damit verbundenen Absolutheitsanspruch entsprechen sie unserem Verständnis von Fundamentalismus. Evangelikale leiten strenge Lebensregeln aus der Bibel ab. Wer dagegen verstößt, sündigt aus ihrer Sicht. Abtreibung zum Beispiel lehnen sie entschieden ab. Sie machen sich für Ehe und die klassische Familie stark, Homosexualität gilt als Sünde. Evangelikale wollen die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen verändern, Vertreter evangelikaler Lobbyvereine bemühen sich in Berlin um Einfluss auf Politik und Medien.

Mehr dazu in:
Lambrecht, Oda / Baars, Christian: Mission Gottesreich. Berlin 2009.

Da Evangelikale in vielen Medienberichten immer wieder dem christlichen Fundamentalismus zugeordnet werden, haben Vertreter der „bibeltreuen“ Bewegung eine „Informationsoffensive“ gegen die Bezeichnung „Fundamentalisten“ gestartet. Ein evangelikaler Lobbyverein verteilte zum Beispiel im Frühjahr 2008 unter anderem im Bundestag Bücher über Evangelikale und richtete eine Internetseite zur Selbstdarstellung ein. Siehe: http://www.die-evangelikalen.de